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Was ist Zeit? - Referat





Was ist Zeit? Gespräch im Flugzeug zwischen Unbekannten

Zuhörer 1 (Lehrer): Achja, die Zeit, was wissen wir schon von ihr?
Für uns alle ist sie da, aber haben tut sie keiner, stimmt’s?
Schon ein seltsames Medium…

Herr: Medium, dass ich nicht lache, wir wissen doch alle nicht was Zeit ist.

Zuhörer 2 (Informatiker): Da haben Sie Recht – ich muss mich hier auch mal einmischen – vielleicht können wir es ja gemeinsam ergründen.
Welchen Aggregatzustand hat die Zeit denn, wenn sie einen hätte…? Ich denke „fest“ ist auszuschließen.
Zeit ist nicht fest, Zeit ist beweglich, Zeit fließt bekannter Weise, aber wäre sie dann flüssig? Gasförmig? Oder einen für unsere begrenzten Geister nicht erkennbar?
Wasser fließt, Flüssigkeiten fließen, aber gleichzeitig sind Flüssigkeiten für uns greifbar – Zeit ist dies nicht. Gas ist nicht greifbar – kommt Zeit Gas nahe? Ist es ein Gas, was uns umschwirrt und sich „Zeit“ nennt? Eher nicht.

L : Ich denke wir zäumen das Pferd von hinten auf, das ist die falsche Richtung. Wir sollten uns nicht die schwierigste Frage zuerst stellen. Nennen wir es doch erst mal Medium und umschreiben es, vielleicht kommen wir dann zu einem Ergebnis.
Ich habe meine Tochter gerade in Oregon besucht, sie hat ein Kind bekommen und zur Taufe meiner Enkelin wollte ich dabei sein.
Mir kommt es vor, als wäre es erst gestern gewesen, ich war noch Student – als unsere Tochter geboren wurde. Jetzt bin ich als Schulleiter kurz vor dem Ruhestand und meine Tochter ist jetzt ebenfalls Schulleiterin. Oh, wie die Zeit vergeht…

I : Ich bin Projektleiter im IT-Bereich und musste zu den immer gleichen Sitzungen –
meetings natürlich – wo sich Manager aufplustern und sich für den Nabel der Welt halten Ich
wollte von den bestehenden Problemen in einem IT Großprojekt berichten, da wurde ich von
einem nassforschen Endzwanziger belehrt, es gäbe keine Probleme, only opportunities. Da habe ich ihn ironisch gefragt, welche Chance er denn sieht. Die Projektanforderung (für ein Telekommunikationssystem) lautet: das System muss 250 Telefonverbindungen parallel in
5 ms durchschalten. Zurzeit liegt die Schaltzeit bei 60 ms. In welcher Zeit solle das gehen? Aus für das System! Dann habe ich die Sitzung verlassen. Welch eine Vergeudung von Zeit bedeuten solche Treffen…

L : (lacht) Vergeudung von Zeit… „Was macht die Zeit, wenn sie vergeht?“, hat Einstein scherzhaft gefragt, ich frage Sie nun, wie vergeudet man Zeit?

H : Hier im Flugzeug sitzen und warten, anstelle die Zeit produktiv zu nutzen. Zeit ist Geld!

L : Na, na, ob das nun eine Definition wäre – Zeit ist Geld. Keiner wird mir einen Laib Brot geben, wenn ich ihm sage, er bekäme fünf Minuten von meiner Zeit.
Bei der Taufe meiner Enkelin hat der Pfarrer aus dem Alten Testament gelesen: „es gibt eine Zeit zum Leben, eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben.“.
Hier wird die Zeit offensichtlich als einen Zyklus beschrieben.

I : In der Informatik kennen wir den Begriff ‚Lebenszyklus’ eines Systems, es sind Phasen des Planens, Entwerfens, Realisieren und Betreiben von Systemen in Anlehnung an die Bibel.
Aber fehlt in dieser Zeitbestimmung das Maß. In der Bibel gibt es Beispiele für Zeitmessungen, so wurde Methusalem über 900 Jahre, da es Mondjahre waren, ist es ein biblisches Alter von über 80 Jahren – kommt drauf an, wie man misst.

L : Für Sie als mathematisch vorgebildeter Mensch ist verständlich, dass die Zeitmessung unabdingbar ist.
Sie sprachen von Schaltzeiten von 5 ms und 6o ms, aber damit ist die Frage: „Was ist Zeit?“ nicht beantwortet. Sie kennen doch den Spruch der Psychologen, „Intelligenz ist das, was wir messen.“.

I : Ja, ja, das ist die Betriebsblindheit. Wir sprechen in der Informatik über Zeitstempel, Zeitscheiben, Zeitreihen um komplexe Steuerungen zu beschreiben und zu beherrschen. Sie
haben recht, wir müssen erst verstehen lernen was Zeit bedeutet. In Festreden zitieren Bildungsbürger gerne Goethe, bei philosophischen Fragen
gehen sie zurück in die Antike: Platon und Aristoteles.

H: Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, hat Platon die Zeit als Abbild der Ewigkeit beschrieben. Das gibt nichts her. Ich habe zwar mal eine Arbeit über ein philosophisches Thema geschrieben, aber zu Aristoteles fallen mir nur noch einige Titel ein:
Physik, Metaphysik, Ethik

I: Was viele nicht wissen, die Informatik als technische Wissenschaft, hat tiefe philosophische Wurzeln. So habe ich vor fast 40 Jahren im Nebenfach Philosophie studiert. Mal sehen, ob noch Spuren aufzufinden sind. Noch in der Schule haben mich die zenonschen Paradoxien verblüfft: Ein fliegender Pfeil, der sich nicht bewegt. Jeder Körper kann nur genau an einem Ort sein, also ruht der Körper – aber wir alle wissen doch, der Pfeil verändert seine Position. Besonders aber die Paradoxie „Achilles und die Schildkröte.“ habe ich lange nicht verstanden. Ich glaube, hier kann man ein erstes Verständnis über die Zeit gewinnen. Der schnelle mythische Läufer Achill und die langsame Schildkröte veranstalten ein Wettlauf. Als fairer Sportler gibt Achill der Schildkröte eine Strecke Vorsprung.
Nach Zenon kann Achill die Schildkröte nicht einholen, denn wenn Achill eine Strecke zurücklegt, hat auch die Schildkröte eine – wenn auch winzige – Strecke zurückgelegt.
In den Augen von Aristoteles liegt der Fehler in der Paradoxie darin, dass nur eine kontinuierliche Streckenteilung betrachtet wird. Der Schlüsselbegriff den Aristoteles benutzt ist die Bewegung – Bewegung sind Handlungen, Prozesse, Erlebnisse, Vorgänge, Veränderungen, also auch der Wettlauf. Jeder Bewegung kommt ein Maß (Zeitmaß) zu.
Zum Beispiel kosmologische Bewegungen (Umlauf des Mondes um die Erde = Monat, Umlauf der Erde um die Sonne = Jahr und davon abgeleitete Einheiten
wie Tag, Stunde, Minute und Sekunde). So ist auch der Wettlauf eine Bewegung, die ein Zeitmaß besitzt. Die bloße Streckenteilung bei Zenon wird durch die Beziehung: die durchlaufende Strecke = Geschwindigkeit * Zeit ersetzt…

L: So langsam dämmert es wieder, Raum (Länge) und Zeit (Dauer) bilden zusammen ein
Kontinuum in dem die Bewegungen stattfinden. Welcher Star Treck Fan konnte sich dem Raum-Zeit Kontinuum Begriff schon entziehen? Zeit also als Zahl oder Maß der Bewegung.

H: Genau und noch etwas… es gibt ein „Früher“ und „Später“, das bedeutet die Zeit ist gerichtet.
So wie das griechische panta rei – Alles fließt – zur Aussage führt: niemand kann zweimal
denselben Fluss durchqueren.

L: So wie die kosmologisch begründete Zeitmessung ausreichend für überwiegend agraisch gegliederte Gesellschaften war, richteten sich die meisten Historiker nach Beginn der Neuzeit nach Mathematik und Mechanik. Ein wichtiger Punkt dabei ist das Erstellen der Uhren. Man benötigte ein Chronometer (Zeitmesser) um zur Mittagszeit mit dem Sextanten die genaue Position und daraus den Kurs der Schiffe zu bestimmen. Unerlässlich für den sich ausweitende Handel und die einhergehende Kolonialisierung...

H: Ja, und auch die Gottesvorstellungen verbinden sich mit der Uhr! War Gott der Uhrmacher der die Uhr (Welt) erschaffen und immerfort aufziehen musste oder hat er die Uhr nur einmal in Gang gesetzt?

I: Sieht man Newton als den genialen Naturforscher des mechanistischen Weltbildes, der ein absolutes Raum-Zeit System entwarf, so war Kant der philosophische Denker der absoluten Raum-Zeit. Raum und Zeit sind nicht dingliche Größen, wie es etwa der Begriff ‚Raumfahrt’ erwarten lässt, sondern Anschauungsformen der sinnlichen Wahrnehmung. Die Sinneseindrücke werden wahrgenommen und durch den Verstand zu Gedanken geformt. Der Dualismus des Erkennens kommt in dem Satz zum Ausdruck:
Begriffe ohne Anschauungen sind leer und Anschauungen ohne Begriffe sind blind.

H: Eine beeindruckende Philosophie, aber für die Bestimmung der Zeit, wie wir sie in Technik und Wissenschaft benötigen, nicht direkt brauchbar.

L: Zugegeben, aber der Zeitbegriff ist mehrdeutig. Feste, die das Leben einer Gesellschaft oder Gemeinschaft strukturieren, jahreszeitlich oder religiös bedingt, haben einen anderen
Ursprung als die technische Verwendung des Zeitbegriffs. Auch die Literatur, die etwa die verlorene Zeit thematisiert, verweist auf andere Lebensweisen.

M: Wir durch die Technik geprägten Menschen, haben einen immer steigenden Bedarf an
verbesserten Meßmethoden der Zeit. Wenn ein großes Computersystem ausfällt, benötigen wir allerfeinste Zeitmomente um die Informationen fehlerfrei zu „rekonstruieren“.
Überhaupt, die Verbesserung der Methoden der Messtechnik nimmt rapide zu. Haben zu Beginn der Neuzeit die Präzisionsuhren oder Chronometer dazu gedient, die genaue Position des Schiffes zu bestimmen, so können wir mit Sattelitenortungssystem, die Position mit einer Messgenauigkeit von wenigen Zentimeter anstatt Seemeilen bestimmen.
Oder auch die Definition der von uns genutzten Einheiten – eine Sekunde, wie relativ war das noch vor kurzer Zeit. Heute definiert als das 9192531770-fache der Periodendauer, der dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustandes von Atomen des Nuklids 133 Caesium entsprechenden Strahlung. Nein, das muss man nicht mehr verstehen. Nur mal um zu zeigen, wie komplex das ganze geworden ist – wie genau.

L: Damit sind wir wieder bei der Zeit angekommen. Wir hatten das Einsteinjahr. Ohne die Ergebnisse der Relativitätstheorie Einsteins, wäre die Messgenauigkeit gar nicht erreichbar. Ging Newton noch von einem geschlossenen System aus, indem Raum und Zeit absolute Geltung besitzt, so gibt es bei Einstein beliebig viele Trägheits- oder Inertialsysteme. Relativ zu dem jeweiligen System können sich die Zeiten unterschiedlich verhalten. Relativ zur Satelitengeschwindigkeit und der Rotationsgeschwindigkeit der Erde muss das Funksignal errechnet werden.

H: Na gut, nachdem wir die verschiedenen Zeitbegriffe versuchsweise erörtert haben und sehen wir kommen doch zu keinem Ergebnis, erinnere ich mich wieder an die Platonischen Frühschriften: Sokrates erörtert mit Athener Bürger in Dialogform Begriffe wie Tugend, Tapferkeit, Religiosität. Bei der Befragung durch Sokrates geben die Athener je nach Stand, Alter und Bildung die verschiedensten, sich scheinbar widersprechenden Antworten. Die Dialoge enden sinngemäß: wir haben nicht gefunden was Tugend, Tapferkeit, Religiosität ist.
In diesem Sinne: wir haben nicht gefunden was Zeit ist.

Zuhörer (denkt): Siehe da, ich musste mich gar nicht einmischen und wir setzen schon zur Landung an.
Die Zeit ist ja wieder verflogen… ach herrje, da wären wir wieder…


(Quellen: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 12, Stichwort: Zeit,
Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie IV, Stichwort: Zeit.
Deutsches Museum München, Einsteinausstellung.
Elemente des Dialogs sind aus vielfältigen Gesprächen über Gott und
die Welt mit meinem Vater gewonnen und neu angeordnet)

Dieses Referat wurde eingesandt vom User: stilbruch



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