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Walther von der Vogelweide - Referat



WALTHER VON DER VOGELWEIDE

1.
Ich saz ûf eime steine
dar ûf satzt ich den ellenbogen;
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange.

dô dâhte ich mir vil ange,
wie man zer welte solte leben.
deheinen rât kond ich gegeben,
wie man driu dinc erwurbe,
der keines niht verdurbe.
diu zwei sint êre und varnde guot,
daz dicke ein ander schaden tuot.
daz dritte ist gotes hulde,
der zweier übergulde.
die wolte ich gerne in einen schrîn:

jâ leider desn mac niht gesîn,
daz guot und weltlich êre
und gotes hulde mêre
zesamene in ein herze komen.
stîg unde wege sint in benomen;
untriuwe ist in der sâze,
gewalt vert ûf der strâze,
fride unde reht sint sêre wunt.

diu driu enhabent geleites niht,
diu zwei enwerden ê gesunt.


Übersetzung:
Ich saß auf einem Stein
und dahte bein mit beine,
und Schlug Bein über Bein
darauf setzte ich den Ellenbogen
ich hatte in meine Hand geschmiegt
Das Kinn und meine Wange

Da überlegte ich mir sehr eindringlich
Wie man in der Welt leben müsste
Keinen Rat konnte ich geben
wie man drei Dinge erwürbe
Von denen keines verloren ginge
Die ersten zwei sind Ansehen von den Menschen und vergänglicher Besitz, Die oft einander Schaden
Das dritte ist Gottes Gnade
Die über den beiden steht
Die wollte ich gerne zusammen in einen Schrein

Aber leider kann dies nicht sein
dass Besitz und weltliches Ansehen
und Gottes Gnade dazu
Zusammen in ein Herz kommen
Steig und Wege sind ihnen genommen
Untreue ist auf der Lauer
Gewalt zieht auf der Straße
Friede und Recht sind sehr verwundet

Die drei haben keinen Schutz, eh diese zwei nicht gesund werden

DER AUTOR
Walther von der Vogelweide stammt wahrscheinlich aus Österreich. Er wurde dort um das Jahr 1170 geborgen. Seine letzten Gedichte stammen aus der Zeit um 1230. In Würzburg wird sein Grab gezeigt. Über sein Leben ist nur wenig bekannt. Es muss ein unstetes Wanderleben gewesen sein, das ihn, den Mittellosen, an viele Höfe geführt hat. Er schlug sich als Berufsdichter in fremden Diensten durchs Leben und gilt als der bedeutendste Lyriker und Spruchdichter seiner Zeit.

DIE GATTUNG
Der abgedruckte Text ist der erste der drei so genannten Reichssprüche, in denen Walther zu den politischen Wirren nach dem Tode Heinrichs VI. Stellung nahm.
Der Spruch ist eine Form der lehrhaften Dichtung. Er kann einen allgemein moralischen, religiösen oder auch einen konkreten zeitpolitischen Inhalt haben.
Der Spruch ist meistens nicht in Strophen gegliedert. Er besteht aus Reimpaaren (aa/bb/usw.) mit drei- oder vierhebigen Versen und endet mit einem Langvers, dessen Inhalt die zentrale Aussage des Textes ist.

DER ZEITLICHE HINTERGRUND
Nach dem Tod Heinrichs VI. (1197) wurden in Deutschland zwei Könige gewählt und gekrönt: der Staufer Philipp von Schwaben, Bruder Heinrichs VI., und der Welfe Otto von Braunschweig, Sohn Heinrichs von Löwen. Im Reich brach der Bürgerkrieg aus. Die Fürsten stärkten ihre Machtposition gegenüber dem König. Im gleichen Jahr bestieg Innozenz III. den Stuhl Petri. Im deutschen Thronstreit zunächst zurückhaltend und abwartend, erkannte er 1201 den Welfen als rechtmäßigen König an, über den Staufer aber verhängte er den Bann. In dieser schweren Zeit verfasste Walther, nach dem Verlassen Wiens, seine ersten Sangssprüche.
Im Dienste der staufischen Sache entstanden die drei großen Reichssprüche, die den König und das Reich zum Hauptthema haben.

DER AUFBAU
1. Eingang: Der Dichter beschreibt sich selbst, wie er nachdenklich auf einem Stein sitzt. In dieser Haltung ist Walther von der Vogelweide in einer mittelalterlichen Handschrift abgebildet. Er betrachtet von einem ruhigen Punkt aus das Zeitgeschehen.
2. Aufstellung des Themas: Noch bevor er sagt, was zum richtigen Leben gehört, schränkt der Dichter schon ein; er wisse keinen Rat, wie sich
seine Lehre verwirklichen ließe. Die drei Dinge, die das Leben des Menschen ausmachen, haben unterschiedlichen Wert. Besitz und Ehre sind weltliche Werte, die erst ihrem rechten Sinn bekommen, wenn sie nicht im Widerspruch zum eigentlichen Ziel des Menschen stehen, sich die Gnade Gottes, den höchsten Wert, zu erwerben. Diese drei Werte müssten sich harmonisch vereinen lassen. Das ist das Thema, über das Walther nachdenkt.
3. Die Klage über die Zeit: Nochmals, und dieses Mal deutlicher als am Anfang, nennt er seine Zweifel an der Möglichkeit, in dieser Zeit ein rechtes Leben zu führen. Zuerst sagte er nur, er könne keinen Rat geben; jetzt aber spricht er davon, dass die drei Werte sich nicht vereinen ließen. Und er nennt auch den Grund, warum sich die drei nicht vereinen ließen. Statt Friede und Recht herrscht das Gegenteil: Untreue und Gewalt. Sich für Friede und Recht (pax e iustitia) einzusetzen, gelobten die Könige feierlich bei der Krönung. Aber die Macht im Reich ist gespalten; Philipp und Otto beanspruchen beide die Königskrone. Und die Fürsten nützen die schlimme Lage des Reiches aus.
4. Die Bedingung, wie die Ordnung unter den Menschen wiederhergestellt werden könne: Trotz der Ratlosigkeit gegenüber der gegenwärtigen Lage, trotz deiner Klage über den Zustand im Reich weist Walther einen Weg: Friede und Recht als Vorraussetzung eines Lebens, in dem sich Erwerbsstreben, Ansehen unter den Menschen und Gottes Gnade vereinen ließen, müssten ins Reich wieder einziehen. Walther meint, dass der Kampf um die Führung des Reiches, der die Fürsten in zwei Lager getrennt hat, die eigentliche Ursache für den gegenwärtigen Zustand ist.

DIE BILDER
Walthers Selbstdarstellung, wie er in nachdenklicher Ruhe auf einem Stein sitzt, steht im Gegensatz zu dem Wirrsinn, die das Reich beherrschen. Hier Besinnung auf die zentralen Werte des Lebens, dort Untreue und Gewalt. – Zur Beschreibung der drei Werte verwendet er das Bild der Kleinodien, die in einem Schrein verwahrt werden sollen; denn sie sind Kostbarkeiten. Er löst das Bild später auf: der Schrein ist das Herz des Menschen, sein Innerstes. – Die Widersacher der Ordnung beschreibt er als Wegelagerer und Straßenräuber. Das Bild ist in Bewegung umgesetzt. Er beschreibt nicht; was Untreue und Gewalt sind, sondern was sie tun, wie sie sich äußern. Er beschreibt die Folgen. – Auch Frieden und Recht – abstrakte Begriffe – gibt er in einem Bild wieder: sie sind sehr verwundet. Walther nimmt Bilder aus der unmittelbaren Erfahrung; denn die Menschen leiden unter den Machtkämpfen der Gegenkönige. Der Krieg ist der Hintergrund seines Spruches. – Und auch das Wort Schutz gehört in diesem Zusammenhang. Die Aufgabe des Königs wäre es, die Untertanen zu schützen, und nicht, das Land mit Krieg zu überziehen. – Das Reich ist krank; deshalb können Friede und Recht – hier personifiziert – nicht gesunden.

DAS ZENTRALE THEMA
Die Summe des Spruches ist in der letzten Langzeile zusammengefasst: Friede und Recht sind die Vorraussetzung für die Verwirklichung eines Lebens, das vor des Welt und vor Gott wohlfällig ist.

DIE AUSSAGEABSICHT
Walther bleibt nicht bei der Klage über den traurigen Zustand des Reiches stehen. Er fordert die Herrschenden auf, zu Frieden und Recht zurückzukehren. Nur dann könnten auch Menschen wieder zu einer inneren Ordnung finden. Innere und Äußere Ordnung bedingen sich gegenseitig.

Dieses Referat wurde eingesandt vom User: corny_*huhu*




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