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Rezension zu Daniel Kehlmanns Ruhm - Referat



Über die rühmliche Unverwüstlichkeit
Ein Roman in neun Kurzgeschichten. Ein Vorteil für alle, die mit so einem Buch zu tun haben: Für die Leser, die Rezensenten – und nicht zuletzt für den Autor selbst.

Diejenigen, die sich Literaturkritiker nennen, dürfen über Daniel Kehlmanns neuen Titel „Ruhm“ mehr als dankbar sein: Schließlich lädt solch ein geradezu provokant unkonventioneller „Kurzgeschichtenroman“ die Literaturwissenschaftler dazu ein, anstelle des Inhalts erst einmal fruchtlos über literarische Formen und deren Charakteristika zu referieren: Ein Buch, bestehend aus neun Kurzgeschichten mit ganz unterschiedlichen Protagonisten, ist das noch ein Roman? Darf sich das noch „Roman“ nennen?
Doch fragen wir uns lieber: Ist das überhaupt relevant?

Fest steht, dass auch Daniel Kehlmann selbst es sich mit „Ruhm“ vergleichsweise leicht gemacht hat. So unterhaltsam und philosophisch sein Buch ist, so gering wird für den Bestsellerautor die Herausforderung gewesen sein, seine eigenen unterhaltsamen, philosophischen Gedankenfetzen darin unterzubringen, sofern man das literarische Werk eines Autors als sein persönliches Sprachrohr definiert.
Statt in einem zeitaufwendigen und mühevollen Prozess Romanfiguren so zu konzipieren, dass man sie als Autor die eigenen Gedanken aussprechen lassen kann, die man gerne an die Öffentlichkeit bringen und in den Zeitungen zitiert haben würde, ist es leichter, viele Charaktere zu skizzieren und damit mehr Themen anzuschneiden, als es in einem klassischen Roman möglich wäre.
Auch der Leser erfährt auf diese Weise etwa so viele bereichernde Denkanstöße wie sonst in mindestens vier Romanen – und strapaziert seine Konzentrationskapazitäten dennoch kaum, denn eine Kurzgeschichte liest sich weitaus schneller und leichter als ein ausführlicherer Erguss.

Dazu kommt Daniel Kehlmanns moderner, intelligenter, aber nicht einschüchternder Schreibstil, welcher wiederum von Geschichte zu Geschichte variiert. Ob es der geistig beschränkte Internetblogger ist, der mit gewollt jugendlichen Anglizismen, aufgeschnappten Business-Brocken und fehlplatzierten idiomatischen Ausdrücken um sich wirft, oder die kluge alte Dame in der Kurzgeschichte „Rosalie geht sterben“ – letztlich sind all diese Individualsprachen, die Daniel Kehlmann seinen Protagonisten buchstäblich zuschreibt, in erster Linie eine Möglichkeit für ihn selbst, sein vielseitiges Talent im Schreiben zur Schau zu stellen.
Welches zweifelsohne stark ausgeprägt ist:

Zwischen teilweise sehr komischen Beschreibungen alltäglicher wie ungewöhnlicher Details lässt der Autor von „Die Vermessung der Welt“ äußerst geschickt seine abstrakten Reflexionen zu den verschiedensten Themen einfließen – sei es die digitale Vernetzung und ihre Auswirkung auf unser Leben, das Altern oder – wie der Titel verspricht – Ruhm.
So wirft Kehlmanns Werk implizit die Frage nach dem Reiz des Ruhmes auf und stellt gleichzeitig dessen Willkür und Vergänglichkeit dar.

In diesen Fragen und in manchem einprägsamen Satz steckt die Unverwüstlichkeit des Buches, der Impuls, der uns als Leser von einem „guten“ Buch sprechen lässt. Dafür reichten meist schon „eine Idee […] oder mehrere meisterhaft ausgearbeitete Szenen“, meint der Schriftsteller Thomas Brussig durch den Protagonisten seines Romans „Das gibt’s in keinem Russenfilm“ und begründet damit jene gewisse Unverwüstlichkeit, die sich literarische Werke mitunter durch nur wenige Sätze verdienen könnten.

Anerkennend lässt sich nicht leugnen: Daniel Kehlmann ist es gelungen,
ein unverwüstliches Werk zu erschaffen, das zusätzlich auf mehreren Ebenen fasziniert.

Denn obwohl die Idee des Episodenromans an sich nicht gerade innovativ ist, übt die subtile Verflechtung der verschiedenen Einzelschicksale, die Kehlmann vornimmt, entsprechend Faszination auf den Leser aus. Unerlässlich ist hierbei das Element des Zufalls als eine nicht beeinflussbare, transzendente Macht, die den Menschen immer ob ihrer Ungreifbarkeit zuverlässig faszinieren wird.
Damit garantiert Daniel Kehlmann sich eine zumindest partiell positive Rezeption seines Werkes – und bedient sich zusätzlich des Spieles mit dem Surrealen.
Hierbei versteht er es, den schmalen Grad zwischen dem noch Plausiblen und der Unwirklichkeit zu treffen, indem er den Anfang einer jeden Kurzgeschichte so realistisch gestaltet, dass der Leser sich automatisch mit den handelnden Personen identifiziert.

Da deren Reaktionen auf die teilweise kafkaeske Entwicklung der Geschichte aber stets nachvollziehbar bleiben, fällt es dem Leser leichter, surreal wirkende Gegebenheiten zu akzeptieren, während der Autor behutsam das Kartenhaus zusammenbrechen lässt.
Bewusst spannt er dabei unterschiedliche Erzählebenen auf, deren Grenzen Stück für Stück verschwimmen: So kehrt das Schicksal eines Protagonisten in einer anderen Kurzgeschichte wieder, indem der dortige Charakter ein Buch darüber liest. Gleichzeitig agiert in beiden Geschichten derselbe Nebencharakter, wodurch beim Leser jener „Ach, verrückt! Das kann doch gar nicht sein“-Effekt entsteht, der auch bei Krimiautoren vorzugsweise am Ende eines Kapitels eingesetzt wird, wenn der Mörder doch der zwielichtige Nachbar ist, den der Autor der Leser ganz am Anfang verdächtigen ließ.

Daniel Kehlmann nutzt seine manipulative Macht als Autor also gnadenlos aus – und zwar effektiv.
Aber ist es nicht genau das, was uns an „Ruhm“ fasziniert? Die eigene Manipulierbarkeit schonungslos präsentiert zu bekommen – und dazwischen auch noch von Kehlmanns intelligentem Humor kosten zu dürfen.
Es bleibt leicht, Gefallen an Kehlmanns Ruhm zu finden – es bleibt leicht, es als Kritiker entweder als Sudoku oder als virtuoser Meilenstein zu klassifizieren.
Ich würde sagen: Weder noch.
Wenige sehr gute Sätze machen „Ruhm“ unverwüstlich. Ansonsten beherrscht Daniel Kehlmann seine Mittel.





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