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Redeanalyse - Referat



07.12.2006

Analyse einer Rede aus der Zeit des Nationalsozialismus
Rede von Otto Wels vor dem Reichstag zum „Ermächtigungsgesetz“

Die Rede des SPD Politikers Otto Wels nimmt Stellung zum beschlossenen Ermächtigungsgesetzes Hitlers. Dieses wurde am gleichen Tag proklamiert, an dem auch Wels vor dem Reichstag als Vertreter seiner Partei Stellung bezog. Noch nicht einmal zwei Monate zuvor war Hitler von Hindenburg zum Reichspräsidenten ernannt worden. Während dieser Zeit prägten Deutschland nicht nur innenpolitische Turbulenzen wie die Weltwirtschaftskrise,, sondern vor allem auch die Lasten der Schuldaufnahme des ersten Weltkrieges und die Folgen der Reparationszahlungen. Die aktuelle politische Situation spiegelt sich auch in der vorliegenden Rede wieder. Formell durch den wiederholten Ausdruck „Meine Damen und Herren“, aber auch inhaltlich betrachtet, analysiert Wels die außen- und innenpolitische Problematik. Trotz zahlreicher Unterschiede lassen sich Parallelen der genannten Ebenen finden. Diese möchte ich im Folgenden analysieren und interpretieren.

Die Adressaten, also alle versammelten Schichten des Bürgertums vor dem Reichstag, mögen bei erster Betrachtung schnell einen Wendepunkt in der Meinungsäußerung zum Vorgehen Hitlers feststellen. Während bis Zeile 60 ein deutlicher Zuspruch im Bezug auf Stellungnahmen und Vorgehensweisen Hitlers zu erkennen ist,, eröffnet Wels ab Zeile 60 und insbesondere ab Zeile 82, dass er und seine Partei mit der jüngsten Entwicklung des Ermächtigungsgesetzes nicht übereingehen können. Meine These, dass sich inhaltliche und argumentative Vergleiche zwischen den Textpassagen finden lassen, kann hierfür einen Erklärungsansatz liefern.
Wie auch Hitler strebt die SPD eine deutsche Gleichberechtigung an. Es scheint Einigkeit zwischen den deutschen Politikern und dem Volk zu herrschen, dass das Schuldeingeständnis und die damit folgenden Reparationszahlungen zwar unumgänglich, aber unbegründet waren. Demzufolge empfindet es das deutsche Volk als einen Aberwitz, also gar als unverschämt, ihrer Nation in solchem Ausmaße zu begegnen. Über die Kränkung des Nationalstolzes hinweg, sie gelten nun als Kriegsverlierer, empört sie die Theorie von ewigern Siegern und Besiegten. Die theoretische Annahme sie könnten für ewig als Verlierer dastehen, verletzt nicht nur das deutsche Selbstwertgefühl sondern vor allem die hochgelobte deutsche Ehre. In den Anfängen des 20.Jahrhunderts ein weitaus bedeutenderer und weitreichenderer Begriff als vielleicht heute im 21.Jahrhundert. Dies belegt das Zitat „Wir sind wehrlos, aber nicht ehrlos“. In meiner Analyse dieser Rede wird es die bedeutsamste Aussage des Textes sein, welche im weiteren Verlauf die Parallele zwischen außen -und innenpolitischen Belangen erörtern wird. Der Krieg war verloren und die gegnerischen Staaten in der Überzahl. Hierbei handelt es sich um einen Fakt, dem man nicht ausweichen kann und dem Deutschland erst recht nicht ausweichen konnte. Es blieb keine Alternative, wehrlos mussten sie alle Bedingungen, die im Versailler Vertrag gestellt wurden, annehmen. Ehrvolles Handeln bedeutet für sie, zu ihrer Meinung zu stehen und ihr Recht zu vertreten. Hieraus lässt sich ableiten, warum eine Formulierung Wels klingt, als sei ihm eine besondere Ehre zugeteilt worden (,,als erster Deutscher vor einem internationalen Forum… der Unwahrheit von der Schuld Deutschlands am Ausbruch des Weltkrieges entgegengetreten“). Die Auffassung des Begriffs der Ehre lässt sich im ganzen Text immer dann wieder finden, wenn Wels versucht die Charakteristika seiner Partei zu umschreiben. Diese entsprechen alle dem Prinzip der Ehre. so ist es ihr „ Grundsatz für die gerechten Forderungen der deutschen Nation gegenüber anderen Völkern der Welt einzutreten“, ebenso wie es die Aufgabe einer Partei ist auch in „schwersten Zeiten Mitverantwortung“ zu tragen. Darüber hinaus zeigt sich der deutsche Geist auch in ihrem ungebrochenen Glauben an Gerechtigkeit. Die fast naive Annahme, die „Ehrabschneidung würde auf die Urheber selbst zurückfallen“ verdeutlicht, dass kein Deutscher sich mit den Erniedrigungen von Seiten der anderen Länder abfinden wollte und konnte. Dabei gibt es in dieser Ansicht keine Unterschiede zwischen „deutschem Volk“ (z. 41), Hitler oder der SPD. Die mehrmaligen Übereinstimmungen sind also nicht kontrovers zu der später geübten Kritik der SPD an Hitler. Sie sind als grundsätzliche Bewegung Deutschlands in dieser Rede widergespiegelt. Das Verständnis deutscher Ehre erklärt warum Wels sich gegen einen Gewaltfrieden und für eine innerpolitische Einigung ausspricht. Eine solche schließt ein, dass der Bürger selbst erkennt, den Gegner nicht als „vogelfrei“ zu behandeln, sondern auch ohne Gewalt von Seiten der Regierung Geduld zu üben.
An dieser Stelle des Textes ist des dem Verfasser gelungen, den Zuhörer geschickt an sein Vorhaben zu fesseln, wobei seine Strategie eine Einfache ist. Er eröffnet nicht zu Beginn sein Kritikfeuer gegen Hitler, sondern begibt sich auf die Ebene der Bürger. Er vermittelt, dass auch er in seiner Ehre gekränkt wurde und genauso wie die Bevölkerung mit außen und innenpolitischer Lage sehr unzufrieden ist. Damit beginnt der Zuhörer sich mit seiner Meinung identifizieren zu können. Sie fühlen sich in ihren täglichen Sorgen und Nöten angenommen. Ist das Interesse geweckt, geht Wels zu seinem eigentlichen Appell über. Hierzu noch eine Anmerkung: Sein bisherigen Ausführen waren nicht bloß Gerede um den Leser zu fesseln, sie enthielt auch inhaltliche Voraussetzungen, um die jetzt folgenden Ausführungen Wels zu verstehen und auch hierhin die aktuelle Problematik wieder zu erkennen. Hierfür wird ein Rückbezug auf den verletzten Stolz und die Pflicht seiner Ehre treu zu bleiben, möglich sein.
Von Z. 61 bis 82 wird der Leser behutsam und dennoch mit klaren und deutlichen Formulierungen
zur Kernaussage hingeführt. Der sprachliche Ausdruck spielt eine zentrale Rolle, da er sich zum manipulativen und euphorisierten Ausdruck der Nationalsozialisten abgrenzt. Ein Beispiel …das sie für das Ermächtigungsgesetz stimmt“ bezieht knapp und verständlich Stellung. Es könnte als Gesprächsstrategie Wels bezeichnet werden,, dass er behutsam hinführt, wie es auch der erste Abschnitt zeigt. Er stellt die Geschehnisse ( SPD Verfolgung und Ergebnisse Wahlen) dar und verweist im Anschluss direkt auf die Pflichten, die entstehenden Möglichkeiten im Rahmen der Verfassung wahrzunehmen. Wenn man diese Aussage als Basis annimmt, versteht sich auch, warum die SPD sich gegen das Ermächtigungsgesetz ausspricht.
Dieses stellt nicht nur die eigene Partei falsch da, es ermöglicht auch eine falsche Berichterstattung, welche Folge der eingeschränkten Pressefreiheit ist und nimmt dem Staat die Rechtssicherheit. Darüber hinaus stellt es seine Urheber in verzerrter Art und Weise da. Dies geschieht, so macht Wels deutlich, meist durch eine sprachliche Manipulation. Eine seiner Intention liegt also darin, mit seiner Rede sprachlich betrachtet einen Gegenpol zu bilden. Das Wort Sozialismus wird hierbei näher erörtert, vermutlich aus dem Grund, weil die SPD selbst es als Wortstamm in ihrem Namen trägt und falsche Zusammenhänge nicht entstehen sollen. Um einen Missbrauch handelt es sich deswegen, weil alles was sozialistisch ist, keine Aufordnung von Macht braucht, sondern Macht durch den Willen des Volkes gelangt. Wels vertritt die Ansicht, dass Bürger aller Schichten (Beamte, Bauern, usw.) der Grundidee zustimmen würden. Ein Ermächtigungsgesetz jedoch entstand auch nur ohne eine Nachfrage oder Abstimmung. des Volkes Auch deswegen lässt sich der kritische Standpunkt begründen. Neben weiteren sprachlichen Abwertungen gegenüber der Partei Hitlers, wie der Ausdruck es handle sich nicht um einen „nationale“, sondern eine „nationalsozialistische Revolution“ und der „Zerstörung von Bestehendem“, geht Wels in die nächste Phase seiner Gesprächsstrategie über. In dieser macht er es sich zur Aufgabe vom Verantwortungsbewusstsein, den Leistungen und der Stärke der SPD zu überzeugen. Hierbei handelt es sich um eine weitere wichtige Passage des Textes, die bereits lange zuvor durch kleinere Formulierungen wie „grundsätzlich verfochten haben“ (Z. 6), „wir haben geholfen ein Deutschland zu schaffen“ oder „sozialdemokratisch geführte Regierung damals im Namen des Volkes“ (Z. 41) eingeleitet wurde. Die Aufwertung der eigenen Partei fungiert dabei als Mittel zur deutlichen Abgrenzung gegenüber den Schwächen der Nationalsozialisten. Auch sprachlich betrachtet verdeutlicht die Metapher „Rad der Geschichte zurückzudrehen“, dass für die Regierung selbst nur noch die Chance durch einen Verrat des Führers besteht die Entwicklung möglicherweise aufhalten zu können. Dem Zuhörer jedoch wird eine politische Verantwortung gegenüber der ganzen Gesellschaft zugesprochen („das Rechtsbewusstsein des Volkes ist eine politische Macht….an diese zu appellieren“). In der Zeit als die Menschen sich gegenüber den Geschehnissen oft machtlos vorkamen und passiv blieben, fordert die SPD sie erstmals auf aktiv zu werden. Um den Bürger die Hoffnung zu geben, eine solche Aktivität könne etwas bewegen, kommt Wels zu seinem impulsiven Schluss..
Im Rückschluss auf die in der Weimarer Verfassung festgelegten Grundrechte der Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit, kann der Zuhörer wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt der Rede meist nur nickend zustimmen. Ein Ermächtigungsgesetz, welches Bestehendes zerstören will, muss daher für Wels der falsche Weg sein. Zudem ist diese Idee, die auch der Idee der SPD entspricht „unzerstörbar“. Es entsteht für die Menschen die Hoffnung, ihre Bemühungen würden sich also bezahlt machen, denn ein Sozialdemokrat sei schließlich, so Wels, auch nicht zu vernichten, sondern schöpfe aus Widerstand nur Kraft. Nach diesen Fürsprechen für sozialdemokratisches Handeln, fällt es schwer etwas zu finden, dass für Passivität oder gar das Ermächtigungsgesetz spricht. Besonders aufmerksame Zuhörer konnten darüber hinaus den Zusammenhang zwischen dem ersten und zweiten Abschnitt der Rede erkennen. So wie Deutschland zunächst wehrlos gegen die Geschehnisse war, aber für seine Ehre kämpft und gegen die Ungerechtigkeit antritt, so verlangt es Wels auch in Anbetracht des innenpolitischen Handels. Es ist in der sozialdemokratischen, aber auch deutschen Ehre inbegriffen, ungerechtfertigten Entwicklungen stark und dauerhaft gegenüberzustehen. Die Entmündigung von politischen und öffentlichen Instanzen, die Verletzung der Grundrechte und die fehlende Zustimmung des Volkes sprechen für ein Eingreifen. Die Alternative die sich bietet ist ein sozialdemokratisches System nach den Regeln der Verfassung.



Dieses Referat wurde eingesandt vom User: dieSteffi



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