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Goethe: Willkommen und Abschied - Referat



Johann Wolfgang von Goethe: Willkommen und Abschied

Das 1771 von Johann Wolfgang von Goethe in der Epoche des Sturm und Drang verfasste Gedicht „Willkommen und Abschied“ handelt von einer heimlichen nächtlichen Begegnung des lyrischen Ichs mit seiner Geliebten. Nach einem bedrohlichen Ritt durch die Nacht bleibt das lyrische Ich bis zum nächsten Morgen bei der Geliebten, muss jedoch wieder Abschied nehmen, was für beide Seiten äußerst schmerzvoll ist und sie sich nur mit einer Aussicht auf ein baldiges Wiedersehen trösten können. Das Gedicht thematisiert somit die Erfahrung erfüllter und erwiderter Liebe des lyrischen Ichs. Da in diesem Gedicht subjektive Erlebnisse des Autors expressiv geschildert werden, handelt es sich um Erlebnislyrik. Goethe beschreibt hier ein Treffen mit seiner damaligen Liebe, die Pastorentochter Frederike Brion , die er 1770 bei einem Aufenthalt in Sesenheim kennen lernte und sich in sie verliebte. Die Gefühle beruhten auf Gegenseitigkeit, bis Goethes Gefühle für die damals 18-jährige Frederike Brion nachließen und er sie verließ.
Das Gedicht besteht aus vier Strophen mit jeweils acht Verszeilen, das Metrum ist ein vierhebiger Jambus. Es ist im Kreuzreim geschrieben (ababcdcd) und die Kadenzen wechseln regelmäßig von weiblich zu männlich.
In den ersten beiden Strophen stellt der Autor den spontanen Ritt zu seiner Geliebten dar und die Bedrohlichkeit, die von der nächtlichen Natur ausgeht. Er bildet sich ein, versteckte Augen zu sehen, die ihn bei seiner verbotenen Tat beobachten. In der dritten Strophe schildert der Autor das Zusammentreffen der beiden Liebenden, die vierte und letzte Strophe hingegen handelt von dem unglücklichen Abschied und dem Hoffen auf ein erneutes Treffen.

In der ersten Strophe bricht Goethe zur Geliebten auf, was ein völlig spontaner Entschluss war, über den er nicht nachgedacht hat sondern sich nur von seinem Herzen leiten ließ (V. 2 „getan, fast eh gedacht“). Das Gedicht beginnt mit einer Inversion (V.1: „Es schlug mein Herz“), was auf die besondere Emotionalität der Situation schließen lässt. Es scheint, der Schreiber hatte nicht einmal genug Zeit, seine Sätze in richtiger Reihenfolge zu formen, so überrascht ist er selbst von seinen Gefühlen die ihn zu seiner Geliebten ziehen. Im zweiten Teil des ersten Verses befindet sich ein Befehl des lyrischen Ichs an sich selbst, was ellipsenartig ausgedrückt ist (V.1: „geschwind zu Pferde!“). Das lyrische Ich appelliert an sich selbst, auf das Pferd zu steigen und los zu reiten ohne noch einmal darüber nachzudenken. Das Wort „Herz“ im selben Vers symbolisiert, dass sich diese Situation auf der emotionalen Ebene befindet. Mit dem Wörtchen „Es“ ist Frederike gemeint, die im Herz des Schreibers schlägt und ihn dazu veranlasst aufzubrechen. Die nächsten Zeilen sind von starker Antithetik geprägt; so fühlt sich das lyrische Ich in Vers drei und vier noch in Sicherheit, in der durch die Abenddämmerung aufkommende Dunkelheit geborgen und vor der Aufdeckung der heimlichen Beziehung geschützt, was sich ab Vers sechs jedoch ändert und die in der Dunkelheit nicht mehr deutlich zu erkennenden Schemen als Bedrohung wahrgenommen werden. Durch die Personifikation der „Eiche“ im „Nebelkleid“ (V.5) verschärft sich die Beunruhigung, da der Baum nun eine reale Gefahr darstellt, einen „aufgetürmten Riesen“ (V.6), dessen Kräfte denen des Reiters im einiges überlegen sind, der ihn einschüchtern und an seinem Vorhaben hindern will. Die Hyperbel „aufgetürm Dadurch dass das lyrische Ich sich überall von „hundert schwarzen Augen“ (V.8) beobachtet fühlt erkennt man, dass er sich der Gefahr seiner Tat durchaus bewusst ist und somit eine Art Verfolgungswahn bekommt. Auf keinen Fall soll die Beziehung zu Frederike Brion aufgedeckt werden. Durch die Personifizierung der „Finsternis“ (V.7) durch das Verb „sehen“ (V.8) erscheint dem lyrischen Ich die Umgebung noch gefährlicher und bedrohlicher. Durch die Enjambements über die Verse sechs, sieben und acht wird zusätzlich Spannung aufgebaut. Trotzdem ist diese Frau während des gesamten Ritts immer in den Gedanken des Reiters präsent, was durch viele Wörter, die eher mit der weiblichen Seite verbunden werden deutlich wird. Die Eiche beispielsweise sieht er im „Nebelkleid“ (V.5) welches er mit dem Gewandt der Frau assoziiert, genauso wie der „Abend“, der die „Erde wiegte“ (V.3), genauso wie eine Frau zärtlich ein Kind in den Schlaf wiegt.
Wie schon die erste Strophe beschreibt auch die zweite den Ritt des Schreibers durch die Nacht und seine Ängste und Gefühle. Seine Furcht wird immer größer, noch nicht einmal das Licht des Mondes kann ihm die Angst nehmen, da es nur „kläglich“ (V.10) zwischen den Wolken hervor scheint und ihm somit auch kein Licht spenden kann. Das lyrische Ich erkennt sich in der Beschreibung des Mondes wieder, da er sich genauso verloren und unnütz in der Natur vorkommt und nichts ausrichten kann. Die gesamte Atmosphäre wird immer gespenstiger, durch die zahlreichen Personifikationen der Naturerscheinungen wie zum Beispiel der „Wind“, der wie eine Fledermaus die „leisen Flügel schwang“ (V. 11) und ihn wie ein Geist „schauerlich umsausten“ (V.12). Das lyrische Ich nimmt die Gefahr fast mit allen Sinnen wahr, es hört sie (V.12: „Ohr“), sieht und fühlt sie. Die Hyperbel in Strophe eins (V.8: „hundert schwarzen Augen“) wird in Vers 13 noch einmal übertroffen, sie werden zu „tausend Ungeheuern“, die von der personifizierten „Nacht“ geschaffen wurden. Die letzten drei Verse stehen wieder im Gegensatz zu den vorangegangenen, das lyrische Ich behauptet, dass ihn die unheimlichen Erscheinungen in der Natur nicht mehr erschrecken können. Er schildert seinen Gemütszustand so, als ob ihm die gruseligen Begebenheiten überhaupt nichts ausgemacht hätten, obwohl er kurz zuvor noch genau diese genauestens beschrieben hat. Er fühlt sich den von der Dunkelheit hervorgerufenen Kreaturen ebenbürtig und gerät in Angriffslaune (V.15: „In meinen Adern welches Feuer!“). Es kommt einem so vor, als ob der Reiter mit jedem Schritt, den er näher zur Geliebten kommt, mutiger und euphorischer wird.
Auch die Liebe zur Wartenden wird hier mit den Wörtern „Feuer“ (V.15) und „Glut“ (V.16) angedeutet, die man beide als Symbole für die Liebe benutzt. Die Wichtigkeit dieser beiden Wörter wird durch die Anaphorik (V.15+16) untermauert. Dieselbe Wirkung in diesem Kontext haben in besagten Versen die Imperative („welches
Feuer! - Welche Glut!“) und der Parallelismus („in meinen…welches- in meinem…welche“).
In der dritten Strophe kommt es nun endlich zum lang ersehnten Zusammentreffen der Beiden. Diese Strophe beschreibt das im Titel genannte „Willkommen“. Die Strophe beginnt mit einer Inversion (V.16: „Dich sah ich „) welche die Bedeutung der Geliebten für das lyrische Ich verinnerlicht. Er nennt das lyrische Du in Form von „Dich“ an erster Stelle, als erstes Wort der Strophe. Dies zeigt, dass sie den ersten Platz in seinem Leben einnimmt. Durch das Enjambement werden die ersten beiden Zeilen der dritten Strophe verbunden, was die enge Beziehung zwischen den Liebenden hervorhebt. Auch wenn sie erst überrascht war, als ihr Geliebter unangemeldet vor der Tür steht (V.17: „milde Freude“), ist sie danach umso zärtlicher und voller Liebe für ihn (V.23: „Zärtlichkeit für mich“). Sprachlich ist das Gedicht hier in einer sehr zarten Ausdrucksweise gehalten („milde“, „süßen Blick“, „warm“, rosenfarbenes Frühlingswetter“, „lieblich“). Die Anspannung, die sich in den vorangehenden Strophen aufgebaut hat, fällt nun gänzlich ab, es herrschen Geborgenheit, Glück und Zufriedenheit. Die Bedrohlichkeit der Nacht wird durch Ausdrücke wie „rosenfarbnes Frühlingswetter“ (V.21) aufgehoben. Der Autor zeigt, dass seine Geliebte das genaue Gegenteil zur Furcht erregenden Nacht ist, denn er fühlt sich sicher bei ihr. Die Liebe zwischen ihnen scheint vollkommen; der Autor gibt sogar an, nur für diese Frau zu leben (V.19f: „Ganz war mein Herz an deiner Seite und jeder Atemzug für dich“).Er schenkt ihr praktisch sich selbst, wenn er ihr sein Herz und seinen Atem anvertraut. Es herrscht zwischen ihnen eine tiefe Vertraulichkeit und Verlässlichkeit, die Situation ist von Harmonie geprägt. Trotzdem plagt ihn das Gefühl, sie sei zu gut für ihn (V.24: „ich verdient’ es nicht!“) aber sie ist alles was er will, was durch den ellipsischen Ausruf „ihr Götter“ in Vers 23 hervorgehoben wird. Dieser Ausruf wir mit Hilfe einer Parenthese in die Verszeile eingeschoben, was den Gefühlszustand des lyrischen Ich widerspiegelt: voller Emotionen und glücklich über seine Lage.
Dem glücklichen Zusammentreffen folgt in der vierten und letzten Strophe der schmerzvolle Abschied im Morgengrauen. Beiden fällt die Trennung schwer, doch sie sind sich bewusst, dass sie keine andere Wahl haben (V.25f: „schon mit der Morgensonne verengt der Abschied mir das Herz“). War vorher die Nacht bedrohlich, so freuen sie sich aber genauso wenig über den Anbruch des neuen Tages, wie sie wissen dass dieser automatisch den Abschied mit sich bringt. Das tiefe Bedauern beider Seiten wird hier im Gegensatz zur dritten Strophe, mit Ausdrücken der Trauer wie „doch ach“, „Schmerz“, „nassem Blick“ betont. Die zwei aufeinander folgenden Ausrufe „In deinen Küssen welche Wonne! In deinem Auge welcher Schmerz!“ (V.27+28) sind durch eine Anapher und einem Parallelismus miteinander verknüpft, was die Antithetik der Bedeutung der Ausrufe hervorhebt. Die Küsse sind noch voller Liebe dennoch handelt es sich um Abschiedsküsse, weswegen die bevorstehende Trennung auch hier präsent ist. Das die Liebe nicht nur einseitig empfunden wird, sondern von beiden wird klar, als beschrieben wird, wie untröstlich auch Frederike ist, die bei der Trennung sogar Tränen vergießt (V.29f: „Ich ging, du standst und sahst zur Erden und sahst mir nach mit nassem Blick“). Der Autor sieht die Liebe als Geschenk der Götter an, es gibt für ihn nichts schönere als zu lieben und geliebt zu werden (V. 31f). Aber durch die Antithese die in dem Wörtchen „doch“ in Vers 31 steckt, wird klar, dass es sich bei dem Abschied nur um eine vorüber gehende Trennung handelt, nicht um eine entgültige.

Genau genommen kann man das Gedicht in drei inhaltliche Teile gliedern. Einmal die ersten beiden Strophen zusammengenommen als der Hinweg zur Geliebten, die dritte Strophe als Willkommen wie schon im Titel genannt und die vierte Strophe letztendlich als Abschied.
Der im Gedicht verwendete vierhebige Jambus stellt die Geräusche des galoppierenden Pferdes da, vierhebig ist er aufgrund der vier Hufen des Pferdes. Die abwechselnde männliche und weibliche Kadenz zeigt, dass es sich um eine Beziehung handelt, bei der beide Personen gleichgestellt sind und keiner dem anderen überlegen oder übergeordnet. Der Kreuzreim stellt die enge Beziehung dar, die sozusagen die beiden Menschen ineinander verwebt.
Da das Gedicht in der Epoche des Sturm und Dranges geschrieben wurde, lassen sich die Merkmale und Denkweisen der Epoche hier wieder finden. Diese Jugendbewegung protestierte vor allem gegen die damaligen Missstände und sprach sich für eine Rückwendung zur Natur aus. Außerdem war es eine Gegenbewegung zur Aufklärung denn es zählte für sie das Gefühl mehr als die Vernunft, was hier in diesem Gedicht auch schön zu sehen ist, als das lyrische Ich völlig spontan und von seinem Gefühl geleitet zur Geliebten aufbricht.
Sehr schön finde ich, dass das Gedicht in Zusammenhang mit einem persönlichen Erlebnis geschrieben wurde, wodurch die geschilderten Gefühle äußerst wirklichkeitsgetreu erscheinen. Dem Leser wird es ermöglicht durch die umfangreichen Beschreibungen mit dem lyrischen Ich mitzufühlen und sich die Situation vorzustellen.
Dieses Referat wurde eingesandt vom User: carööö



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