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Die nüchterne Stadt, Paul Zech (Expressionismus) - Referat



Die nüchterne Stadt, Paul Zech (1914)

Straßauf, straßab durchstreifen wir die Stadt,
die graue Stadt, die Stadt zermürbter Brücken.
Verlumpte Bettler drohen giftig mit den Krücken
und Händler drücken uns an Häusern platt.

Aus Wirtshausfenstern wirbelt fetter Bratgeruch
und Lustgebrüll aus hundert Singspielhallen.
Wir müssen schnell die Riemen fester schnallen
und ducken uns vor Fremdenhaß und Lästerfluch.

Den Korso überwölkt Geheul von Schiffsfanfaren
und Bahngeräusch bleit sich in unsre Nerven rücksichtslos.
Aus Pflasterritzen wuchert Unkraut riesengroß.

Verkrüppelt stehn paar Linden am Kanal.
Verstimmte Glocken überwimmern Lust und Qual
und nirgend sieht man Kinder, die sich um ein Spielwerk scharen.

Analyse:
Das vorliegende Gedicht „Die nüchterne Stadt“ von Paul Zech aus dem Jahr 1914 ist ein Sonett aus dem Expressionismus, welches sich mit der Großstadt befasst. Die Stadt wirkt in dem Gedicht sehr negativ und heruntergekommen und dieser Zustand scheint sich auch in Zukunft nicht zu bessern.

Das Gedicht hat den typischen Aufbau eines Sonetts, es besteht aus zwei Quartetten gefolgt von zwei Terzetten. In den beiden Quartetten kann man das Reimschema des umarmenden Reims erkennen. Das erste Terzett besteht aus einem reimlosen Vers (v. 9) und einem Paarreim. Die letzte Strophe weist einen Schweifreim auf. Es fällt auf, dass sich der erste Vers des ersten Terzetts und der letzte Vers des zweiten Terzetts reimen(Schiffsfanfaren(v.9), scharen(v.14)). Die strukturierte Form des Sonetts steht im Kontrast zum Inhalt, welcher chaotisch und unstrukturiert wirkt.

In der ersten Strophe wird die Stadt als heruntergekommen und „grau[...]“(v.2) beschrieben. Außerdem werden die Disparitäten zwischen Arm und Reich in der Stadt deutlich(vgl. v.3f.). Danach beschreibt das lyrische wir die Stadt bei Nacht (vgl. v.6) und meint, dass die Menschen der Stadt sich vor „Fremdenhass“ (v.8) schützen müssen. Das zweite Terzett beschäftigt sich mit den Folgen der Technisierung und Industrialisierung (vgl.v.12) und es wird beschrieben, dass keine Kinder mehr zu sehen sind.

Eine sprachliche Auffälligkeit ist die Bildlichkeit und die Metaphorik, die Zech verwendet. In der ersten Strophe verwendet er mehrmals den Begriff „Stadt“(v.1). Durch den bestimmten Artikel (die Stadt(v.1.)) ist zu vermuten, dass es sich nicht um irgendeine, sondern um eine bestimmte Stadt handelt. Allerdings erfährt man nicht um welche oder ob diese Stadt in Wirklichkeit existiert, da sie nicht bei Namen genannt wird. Mit der Farbmetaphorik „grau[...]“ verdeutlicht Zech die bedrückte Stimmung in der Stadt. Außerdem spricht das lyrische wir von „zermürbte[n] Brücken“(v.2). Da Brücken für Verbindungen stehen, scheint es so als wäre irgendeine Verbindung zerstört oder nicht mehr vorhanden. Damit könnte zum Beispiel die Verbindung der Menschen untereinander gemeint sein. Das würde bedeuten, dass die Menschen in der Stadt sich immer mehr abschotten und nicht mehr in einer Gemeinschaft leben. In den letzten beiden Versen der ersten Strophe wird deutlich, dass das lyrische wir, welches die Mittelschicht verkörpert, sowohl von den ganz Armen, als auch von den Reichen bedroht wird(vgl.v.3-4).

Dadurch, dass das lyrische wir den Geruch durch die „Wirtshausfenster“(v.5) beschreibt, bemerkt man eine Distanz des lyrischen wirs zum Wirtshaus, da er es nur von außen betrachtet. Daraus erkennt man, dass das Wirtshaus, in dem es gutes Essen gibt, nur den Reichen
vorbehalten ist. In dem darauf folgendem Vers benutzt Zech die Hyperbel „tausend Singspielhallen“(v.6). Diese unterstreicht die Tatsache, dass die Unterschicht in der Stadt sehr groß ist, da meistens eher ärmere Menschen Singspielhallen besuchen. In Vers acht behauptet das lyrische wir, dass man sich vor Fremdenhass „ducken“ (v.8) müsse. Das Verb „ducken“ (v.8) impliziert, dass man den Fremdenhass nicht stoppen oder lindern kann, sondern nur versuchen kann, sich nicht davon mitreißen zu lassen.

In Vers neun kann man eine Synästhesie vorfinden. „Geheul“(v.9) kann nicht etwas „überwölken“(v.9, es könnte nur etwas übertönen. Diese Synästhesie unterstreicht den wirren Inhalt, da sie den Leser verwirrt. Das „Bahngeräusch“(v.10) ist eine Metapher für die Technisierung. Diese wird hier als sehr störend dargestellt, da Bahngeräusch meistens auch störend ist. Das Unkraut, welches aus den „Pflasterritzen wuchert“(v.11), könnte man auch als neue Technologien und Erfindungen deuten, was zum Rest der Strophe passen würde. Das würde bedeuten, dass das lyrische wir den technischen Fortschritt als unnötig ansieht, da Unkraut auch keinen Nutzen hat. Die „verkrüppel[ten]“(v.12) Linden stehen für die verkümmerte Natur der Stadt. Außerdem werden sie personifiziert, da die Bezeichnung „verkrüppelt“ meistens für Menschen verwendet wird. Somit könnten die Linden auch die Bewohner der Stadt repräsentieren, deren geistiger und gesundheitlicher Zustand auch schlecht ist. Da Glocken meistens von einer Kirche kommen, symbolisieren sie die Stellung von Religion in der Stadt. Da die Glocken verstimmt sind, ist auch der Glaube der Menschen verdreht oder nicht mehr vorhanden(vgl.v.13). Die Kinder, welche in dem letzten Vers thematisiert werden, stehen für die Zukunft der Stadt. Da man keine Kinder mehr sehen kann, ist es möglich, dass die Stadt auch keine Zukunft hat(vgl.v.14). Somit würde das Gedicht eine Finalstruktur aufweisen, da zuerst der Zustand der Stadt beschrieben wird, das Ende des Gedichts dann auch auf ein Ende der Stadt hindeutet.

Das Gedicht ist inhaltlich und formal typisch für den Expressionismus. Viele Expressionistisch Gedichte behandeln die Themen Großstadt und Industrialisierung und auch das Sonett wird in dieser Zeit häufig benutzt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „Die nüchterne Stadt“ ein typisch expressionistisches Gedicht ist, welches die Gesellschaft und die neue Technik kritisiert.




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