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Der Grundstein der Gesundheit liegt bereits im Körper der Mutter - Referat



Der Grundstein der Gesundheit liegt bereits im Körper der Mutter

Über einen Artikel von Gaby Miketta, Focus Nr.43 / 1999


In einem noch recht neuen Forschungsgebiet hat man herausgefunden, dass das Fundament unserer Gesundheit bereits im Uterus der Mutter gelegt wird.
Während der 40-wöchigen Schwangerschaft programmiert der Stoffwechsel der Mutter zum Teil die spätere Gesundheit des Kindes und damit die Gesundheit für dessen Leben bis ins hohe Alter.
Damit ist dies sozusagen die wichtigste Phase für das Leben eines Menschen.
Mit der Forschungsarbeit begonnen hat David Barker, Leiter eines medizinischen Untersuchungszentrums der Uni Southampton. Er stöberte 1986 in staubigen Kellern und dunklen Archivräumen nach Geburtsregistern von 1911-1930.
Er analysierte diese Unterlagen, in denen Angaben zu Gewicht, Größe und Körperproportionen zu finden waren. Barker und sein Forschungsteam spürten 16000 Erwachsene auf, die als Babys exakt ,,vermessen" worden waren.
Sie wurden nun nach ihrer Gesundheit befragt und es wurden Blutproben genommen.
Das Ergebnis bestätigte Barkers Erwartungen.
Es zeigte nämlich, wie wichtig ein properes Geburtsgewicht für die spätere Gesundheit ist.

· Das Risiko bis zum 65. Lebensjahr an einer Herzerkrankung zu sterben war bei Jungen mit weniger als 2500g Geburtsgewicht doppelt so hoch, als bei Jungen mit 4300g.
· Die Frauen und Männer mit einem damals niederen Geburtsgewicht litten nun unter hohem Blutdruck.
· Je größer der Bauchumfang des damaligen Säuglings, um so niedriger war nun der Cholesterinspiegel mit 50 Jahren.
· Bei Frauen und Männern mit einem damaligen Geburtsgewicht unter 2500g war nun das Risiko an Diabetes zu erkranken um das 7-fache erhöht.

Barker erhielt Bestätigung vieler Ergebnisse seiner Arbeit unter anderem durch Studien aus dem Ausland, beispielsweise aus Finnland.
Dort lieferten 3641 Männer Indizien für Barkers Hypothese vom Uterus-Effekt.
Diejenigen, die zwischen 1924 und 1933 geboren, bei der Geburt groß und dünn waren, dann aber schnell an Gewicht zulegten und mit 7 Jahren sogar zuviel wogen, wiesen die höchste Sterberate an Herzerkrankungen auf. Diese hohe Sterberate zeigte deutlich die negativen Effekte des Nachpäppelns von schmächtigen Babys.

In den USA zeigte eine Harvard-Studie an 2000 Krankenschwestern:
Bei Frauen mit einem Geburtsgewicht über 4000g war das Risiko an Brustkrebs zu erkranken doppelt so hoch, als bei Frauen mit dem einstigen Geburtsgewicht unter 2500g.
Hier liegt die Vermutung nahe, daß eine erhöhte Produktion des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen der Schwangeren nicht nur für Babyspeck verantwortlich ist, sondern Töchter auch für späteren Brustkrebs sensibilisiert.

Niederländische Wissenschaftler untersuchten Babys des sogenannten Hungerwinters 1944/1945.
Damals mußten sich selbst Schwangere oftmals mit einer Tagesration von ca. 750 kcal begnügen. Sie nahmen anstatt der üblichen 11kg im Extremfall nur noch 2kg während der Schwangerschaft zu.
Deren Babys kamen dann dementsprechend leichter zur Welt. Als diese dann später wiederum selbst Mütter wurden, kamen auch deren Töchter erstaunlicherweise leichter zur Welt. Diese Kinder litten also ebenfalls unter den Folgen mangelhafter Ernährung ihrer Großmütter.
Den Forschern boten sich zwei Möglichkeiten der Erklärung:
· Der Uterus der ,,Hungerwinter-Mädchen" konnte sich aufgrund der
Mangelernährung ihrer Mütter schon im Mutterleib nicht genügend entwickeln.
· Die Effekte der Notsituation haben sich vererbt.
Letzteres jedoch hielten die Forscher für unmöglich, waren sogar der Meinung, erworbene Eigenschaften seien nicht vererbbar. Allerdings vermutete dagegen ein deutscher Humangenetiker, namens Joachim Klose, dass es neben der Vererbung über die Gene noch einen anderen Mechanismus geben könnte.

,,Umwelteinflüsse ändern zwar nicht das Erbgut selbst, vielleicht aber die
Gebrauchsanweisung, nach der Zellen ihr Erbgut nutzen."

Forscher untersuchten diese Behauptung, wonach nicht nur Gene mit dem enthaltenen Code für die Ausprägung der vielen Merkmale von Generation zu Generation über Ei- und Samenzellen weitergegeben werden, sondern dass chemische Seitengruppen der DNS-Bausteine, so genannte Methylgruppen den Aktivitätszustand eines Gens festlegen. Forscher der Berliner Humboldt-Universität führten zur Prüfung dieser Hypothese einen Versuch mit Mäusen durch. Kurz nach der Verschmelzung von Ei- und Samenzellen tauschte das Forscherteam das Erbgut des Weibchens von Stamm A gegen das von Stamm B aus. Diese geringfügige Änderung der zellulären Umwelt hatte zur Folge, dass diese Tiere kleiner waren als ihre Artgenossen, eine höhere Sterblichkeitsrate und im Lauf der Zeit ein verändertes Sexualverhalten aufwiesen als ihre Artgenossen.

Weitere Merkwürdigkeiten:
Bei einer Untersuchung von 20 000 Eiweißstoffen von Gehirn, Leber und Herz stellte sich heraus, dass es den manipulierten Mäusen an zwei Eiweißen mangelt , nämlich dem Leberprotein MUP und dem Gehirnprotein OMP. Offenbar prägen Umweltbedingungen in der frühen Embryonalzeit der Maus eine Art Stempel auf, der noch die nächste Generation beeinflusst, und es gibt keinen Grund warum es diese Prägungen nicht auch beim Menschen geben sollte. Innerhalb einer Generation reagieren Organismen auf veränderte Umweltbedingungen -ohne den unheimlich trägen Mechanismus von Mutation und Selektion,
den der Naturforscher Charles Darwin propagierte.

Einfluß des Stoffwechsels der Mutter auf die Organstruktur des Fötus
Große Mengen an Stresshormonen der Mutter ändern den Stoffwechsel des Embryos in vielen Organsystemen. Der Fötus entwickelt sich nicht optimal und bleibt klein und dünn.

· Gehirn: Bei erhöhtem Stress der Mutter kann die Stresshormonregulation des Kindes
möglicherweise nachhaltig gestört werden.
· Herz: Mangelernährung der Mutter kann in bestimmten Situationen zu weniger
elastischen Arterien beim Fötus führen -> späterer Bluthochdruck sehr
warscheinlich.
Vitaminmangel kann zudem dazu führen, daß die Herzklappen des Fötus nicht
richtig ausgebildet werden. Ausgleichung einer Vitaminunterversorgung durch
richtig dosierte Vitaminpräperate in den ersten vier Wochen der Schwanger-
schaft kann die Zahl von angeborenen Herzfehlern beim Baby um ein Viertel
reduzieren.
· Bauchspeicheldrüse: Stress der Mutter wirkt sich insofern negativ auf die Insulin
produzierenden Zellen (Beta-Zellen) des Kindes aus, als daß sie
später den Blutzuckerspiegel nur schwer kontrollieren können.
Es besteht die Gefahr von Diabetes.
· Leber: Durch negative Einflüsse von außen reduziert der Fötus schnell das Wachstum
der Leber und damit die Enzymaktivität. Dieses Defizit kann er nach der Geburt
kaum mehr aufholen. Folge kann ein erhöhter Cholesterinspiegel sein.
· Nieren: Außerdem kann Stress der Mutter auch Grund für unterentwickelte, kleine
Nieren beim Kind sein. Diese haben dann oft weniger Filtereinheiten für das
Blut (Nephrone) und können daher sowohl den Salzgehalt im Körper als auch
den Blutdruck schlechter kontrollieren.

Diese fatalen Erscheinungen können also dadurch hervorgerufen werden, daß sich Mangelernährung und vermehrte Produktion von Stresshormonen bei der Mutter derartig auf die Plazenta auswirken, daß sie den Fötus nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen kann.

Auch ein fehlerhaftes Verhalten der Väter vor der Zeugung kann zur Schädigung der späteren Gesundheit ihrer Sprösslinge beitragen. Hierzu gibt es allerdings nur wenige Studien. Trinken Männer beispielsweise etwa vier Wochen vor der Zeugung exzessiv Alkohol, dann steigt die Gefahr, daß die Babys kleiner und dünner zur Welt kommen. Arbeiter in der Metall verarbeitenden Industrie, bei denen US-Forscher fünf Jahre lang einen erhöhten Bleigehalt im Blut feststellten, zeugten häufiger Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht.
Die einzig mögliche Erklärung ist offenbar, daß ,,Umweltsünden" über die Spermien weitergegeben werden.

Nun gibt es erste Beweise, wie die Programmierung im Mutterleib abläuft, nämlich durch Versuche an unterernährten Rattenföten.
Diese Rattenföten verfügten später über dünnere und weniger dehnbare Gefäßwände, als gutgenährte Tiere. Ihnen fehlt ausreichend Elastin, ein Eiweiß, das Blutgefäße elastisch hält. Spätfolge ist zum Beispiel Bluthochdruck aufgrund starrer Arterien und im Alter schneller ermüdenden Venen.
Genügend gute Blutgefäße sind jedoch ein wichtiges Kriterium für die Fitness des Herz-Kreislaufsystems.

Durch einen weiteren Versuch, diesmal an Schafembryonen wurde bewiesen, daß Stresshormone den Stoffwechsel und die Organbildung im Fötus massiv beeinflussen können.
Forscher verursachten durch Verabreichung eines dem Stresshormon Cortisol ähnlichen Hormons am Ende des ersten Schwangerschaftsmonats eine Stresssituation in den Körpern der Schafmütter.
Die davon betroffenen Föten konnten später ein Leben lang den Blutdruck schlechter kontrollieren.

Ob ein Kind im Mutterleib gut gedeiht, entscheidet im Wesentlichen die Funktionstüchtigkeit des Mutterkuchens als zentrale Versorgungsstation.
Das Organ stellt den Sauerstoff- und Nährstoffbedarf des Fötus sicher, schützt ihn wie ein Filter vor schädigenden Substanzen und vermittelt die Kommunikation über Hormone.
Ist die Mutter krank, leidet sie unter Stress, bekommt sie zuwenig Proteine oder Kohlenhydrate zu sich, raucht sie oder trinkt Alkohol, dann arbeitet die Plazenta nur
mit halber Kraft.
Wie sich die Psyche auf die Plazenta auswirkt, haben Londoner Forscher an 100 ängstlichen Schwangeren untersucht. Bei diesen psychisch belasteten Frauen traten 7x häufiger Durchblutungsstörungen der Gebärmutter auf.
Dass selbst geringfügige Mangelsituationen ein lebenslanges Nachspiel haben, ist die Folge der spezifischen embryonalen Entwicklung (der Entwicklung von der befruchteten Eizelle bis hin zur Geburt).
Sowohl Anzahl der Filtereinheiten in der Niere, als auch die Anzahl der Insulin produzierenden Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse sind größtenteils bereits bei der Geburt festgelegt. Mit dieser Ausstattung muss jeder bis ans Ende seiner Tage zurechtkommen.





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