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Der „große Terror“ in der Sowjetunion (1936-1938) im Kontext der Geschichte Russlands - Referat



Der „große Terror“ in der Sowjetunion (1936-1938) im Kontext der Geschichte Russlands

Gliederung:
1. Einleitung
2.1. Russlands Expansionspolitik auf dem Weg zur europäischen Großmacht
2.2. Koalitionskriege, Wiener Kongress
2.3. Industrialisierung, Erster Weltkrieg und Situation der Sowjetunion nach der Revolution
3. Schluss

Der Begriff „Großer Terror“ bezeichnet eine umfangreiche Verfolgungs- und Terrorkampagne in der Sowjetunion in den Jahren 1936-1938. Eliten aus Militär, Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur sowie ethnische Minderheiten und Gegner des stalinistischen Regimes wurden rücksichtslos verfolgt, vertrieben, inhaftiert und ermordet. Mittel dazu waren Schauprozesse, Geheimaktionen, Zwangsumsiedlungen und willkürliche Verhaftungen und Ermordungen sowie Massenexekutionen.
Sowohl die durch den „großen Terror“ entstandene Opferzahl als auch die Motivation dafür ist bis heute in der Wissenschaft umstritten [1]. Erst nach dem Ende der Sowjetunion wurden Archive geöffnet, die aber nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erfüllen [2]. Viele Angaben sind deshalb widersprüchlich und werden bis heute kontrovers diskutiert. Es wird heute von etwa 700.000 Erschossenen und 1,5 Mio Inhaftierten ausgegangen [3], wobei frühere Schätzungen von 7-8 Mio Inhaftierten ausgingen [4].

Auch die Ursachen und Motive für die grausamen Vorgänge von 1936-38 werden kontrovers diskutiert. Sowohl paranoide Züge Stalins [5] als auch innenpolitische und außenpolitische Ursachen dürften eine Rolle gespielt haben. Diese innen- und außenpolitischen Ursachen sollen im Folgenden im Kontext der russischen Geschichte betrachtet, diskutiert und bewertet werden.

Spätestens nach dem Sieg im 20 Jahre andauernden Großen Nordischen Krieg 1721 hatte sich Russland unter Zar Peter dem Großen als eine europäische Großmacht etabliert. Große Teile des Baltikums waren erobert, Polen geschwächt und Schweden aus seiner Vormachtstellung im Ostseeraum verdrängt worden. Begünstigt durch den breiten Zugang zur Ostsee setzte eine Europäisierung Russlands ein. Jedoch war die russische Bevölkerung in diesem Krieg großen Leiden ausgesetzt. Ein Großteil des Staatshaushaltes wurde für den Krieg verbraucht, es kam zu Hungersnöten und Pestepidemien, weite Landstriche waren verwüstet.

Die Expansionspolitik setzte sich unter Kaiserin Katharina der Großen in südlicher Richtung fort und drückte sich in den Russisch-Osmanischen Kriegen aus. Große Teile der Ukraine und Südrusslands kamen unter russische Herrschaft. Russland wurde mehr und mehr zum Vielvölkerstaat, dessen Probleme und Spannungen in den Kosakenaufständen ab 1721 mündeten. Es folgten Bürgerkrieg, Verwüstungen und Hungersnöte. Zum Wiederaufbau der zerstörten Landstriche wurden dann in großem Umfang deutsche Siedler eingeladen, die später ebenfalls unter Stalin verfolgten Wolgadeutschen. Schon im 18.Jahrhundert traten damit 2 Probleme zutage, die offenbar auch heute noch eine große Rolle in Russland spielen:

Zum einen macht es die schiere Größe des Landes schwierig, eine umfassende Administration und Organisation von Wirtschaft, Recht und gesellschaftlichem Leben durchzusetzen. Zum anderen machte besonders die Expansionspolitik vom 17. bis zum 19. Jahrhundert aus Russland einen Vielvölkerstaat mit unterschiedlichen Interessen, Religionen, Traditionen, was die genannten Probleme noch verschärft haben dürfte. Bereits hier sieht man zwei entscheidende Unterschiede zu den großen mitteleuropäischen Nationen und deren Entwicklung.

Zunächst mit Preussen verbündet, schloss Kaiser Alexander I. im Frieden von Tilsit ein Bündnis mit Napoleon, das ihm freie Hand für weitere Eroberungen gab (Finnland, Georgien, Moldawien, Bessarabien). Nach Napoleons erfolglosem Russlandfeldzug und dem Wiener Kongress war Russland die dominierende Macht in Zentraleuropa. Diese Dominanz wurde durch den Krimkrieg beendet.

Mit der rasanten Entwicklung der europäischen Mächte England, Frankreich, Preussen und Österreich konnte Russland ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum ersten Weltkrieg nicht mehr mithalten. Gründe hierfür waren veraltete Strukturen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, z:B. die viel zu späte Abschaffung der Leibeigenschaft, technische Rückständigkeit und mangelnde staatliche Kontrolle über das Riesenreich. Nach anfänglichen Erfolgen im ersten Weltkrieg
durch Eroberungen in Ostpreussen und Galizien musste die russische Armee in den Jahren 1914 und 1915 schwere Niederlagen gegen die Armeen des deutschen Kaiserreiches hinnehmen und wurde weit hinter die russische Grenze zurückgeworfen. Trotz der Heranführung neuer Reserven war die veraltete russische Armee den technisch und taktisch überlegenen Mittelmächten nicht gewachsen. Kriegsmüdigkeit, Hunger und Not in der Bevölkerung führten zur russischen Revolution und der Vertrag von Brest-Litowsk markiert das Ausscheiden aus dem Krieg unter großen Gebietsverlusten. Die Niederlage des deutschen Kaiserreiches im November 1918 machte den Vertrag von Brest-Litowsk rückgängig. Deutschland und Russland waren vom Krieg geschwächt, beide Monarchien waren gestürzt. Es herrschte Machtvakuum. Während in Deutschland die Weimarer Republik als erste deutsche parlamentarische Demokratie gegründet wurde und der ehemals herrschende Kaiser Wilhelm der II. nach Holland ins Exil ging, wurde in Russland die gesamte Zarenfamilie ermordet und es folgte jahrelanger Bürgerkrieg, der das Land noch weiter auszehrte.

Die Ursachen für diese unterschiedlichen Entwicklungen mögen in der oben beschriebenen Vorgeschichte (Expansionspolitik, Leibeigenschaft, Rückständigkeit) oder den besonders schlechten Lebensverhältnissen der Bevölkerung oder auch an profanen Dingen wie der schieren Größe Russlands und der großen Anzahl verschiedener Völker liegen. Jedenfalls dürfte diese Situation auch eine Keimzelle für den stalinschen Terror gewesen sein. Alte Machteliten (Industrielle, kaiserliche Offiziere und Generäle, Wissenschaftler) sollten rigoros ausgelöscht werden. Es ging um Machtergreifung, Machterhalt, Aufbau eines neuen Gesellschaftssystems, Konkurrenz zwischen verschiedenen bolschewistischen Führungspersönlichkeiten und nicht zuletzt wahrscheinlich um die Vorbereitung von militärischen Auseinandersetzungen mit den imperialistischen Mächten, auch zur weiteren Ausbreitung des Sozialismus über Europa. Dieser Sachverhalt wird heute sehr kontrovers diskutiert.

Russland hat eine besondere Geschichte, die durch eine über Jahrhunderte währende streng autokratische Herrschaft in Verbindung mit fortdauernder Expansionspolitik gekennzeichnet ist. Dadurch ist eine europäische Großmacht entstanden, deren Monarchie 1917 durch Krieg und Revolution unterging. Die geographische Größe Russlands und seine vielen unterschiedlichen Völker sind ebenfalls geeignet, den Nährboden für radikale Konflikte zu bilden. Die wirklichen Ursachen für den stalinschen Terror sind aber sicher vielfältig und stellen eine Mischung aus vielen Faktoren dar. Heute versucht man in Russland und anderswo sich den geschichtlichen Verbrechen zu nähern, aufzuklären und den Opfern zu gedenken.

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[1] Oleg W. Chlewnjuk: Das Politbüro Mechanismen der Macht in der Sowjetunion der dreißiger Jahre; Hamburger Edition, Hamburg,1998
[2] Archivforschungen zum großen Terror, Ein Literaturbericht: http://www.linksnet.de/de/artikel/28025
[3] Bonwetsch: Der „Große Terror“ – 70 Jahre danach. S. 128 f
[4] Robert Conquest: the great terror, stalins purge of the thirtees, London 1968
[5] Simon Sebag Montefiore: Der junge Stalin. S. Fischer Verlag




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