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Agnes - Referat



„Agnes" (Peter Stamm): Der Tod als Ausweg einer missglückten Beziehung

Simpel geschrieben, wie schon der Titel, aber eindrucksvoll gestaltet Peter Stamm seinen Debüt-Roman „Agnes", in welchem er, obwohl es sich eigentlich um eine Liebesgeschichte handelt, vor allem dem Tod eine große Bedeutung zukommen lässt. Als Motiv zieht dieser sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch und macht die missglückte Liebesgeschichte dadurch umso spannender und tragischer.
„ Agnes ist tot." Bereits die ersten drei Wörter des Romans wecken großes Interesse und Verblüffung in Hinsicht auf den plötzlichen und ergreifenden Anfang. Auch wenn das Ende dadurch in den ersten Zeilen vorgegriffen wird, ist doch die Geschichte, die dort hingeführt hat, schließlich das wirklich faszinierende und Stamm schafft es, durch den plötzlichen Anfang, dafür eine großen Wissbegierde beim Leser auszulösen. Weiter heißt es „eine Geschichte hat sie getötet". Dieser nächste, zunächst verwirrende Satz erklärt im Nachhinein das Ende aus Sicht des Ich-Erzählers. Denn dieser schiebt schuldbewusst die Verantwortung des Todes seiner Geliebten auf eine Geschichte anstatt sie bei sich, der wahren Quelle zu finden.

Anfangs entwickelt sich die Geschichte jedoch ganz normal, wie jede andere Liebesgeschichte auch anfangen würde. Die fünfundzwanzigjährige amerikanische Physikstudentin Agnes und der Ich-Erzähler, ein deutscher Autor, welcher ihr Vater sein könnte, treffen sich in der Bibliothek zum ersten Mal und schon nach kurzer Zeit lernen sie sich beim Essen in einem Café dann näher kennen. Dabei sticht schon sehr deutlich das Todesmotiv, heraus, da sie vor dem Café auf der Straße eine tote Frau auffinden. Dieser Vorfall scheint Agnes stark zu beschäftigen, sie gesteht dass sie „Angst [habe] vor dem Tod". Beim dadurch ausgelösten folgenden Gespräch über den Tod wird schnell deutlich wie unfähig der Ich-Erzähler ist, auf Agnes einzugehen und ein tiefgehenderes Gespräch über dieses Thema zu führen. Allgemein ist bei verschiedenen Dialogen bemerkenswert, wie wenig der Ich-Erzähler auf die emotionale Ebene eingeht, stattdessen bleibt er immer sehr nüchtern und sachlich distanziert. Seine Bindungsschwäche wird immer deutlicher; er kann und will sich nicht mit Gefühlen von jemandem, nicht mal von Agnes, abhängig machen.

Nach dem ersten Kennenlernen kommen sich die beiden näher, und die Beziehung scheint erstmal aufzublühen: Agnes will, dass er eine „Geschichte über [sie] schreib[t]". Er ist zunächst zögerlich, wendet ein, dass er „keine Kontrolle" darüber habe, sobald er einmal angefangen habe. Sie beschließen jedoch dann das „Experiment" einzugehen, und er beginnt eine Geschichte über ihre gemeinsame Beziehung zu schreiben. Das Buch hält nun ihre Beziehung intakt; sie gehen viel gemeinsam spazieren und genießen die Zweisamkeit. Dabei bekommt der Ich-Erzähler bei einer Parkwanderung auch zum ersten Mal ein starkes Gefühl von Nähe, während er Agnes beim Schlafen zusieht. Bemerkenswert ist hier, dass im Kontrast zu seinem beschriebenen „seltsame[n] Gefühl [ihr] ganz nahe zu sein" eher seine Scheu vor Nähe und Bedürfnis nach Freiheit deutlich wird: Erst als sie keinen Kontakt miteinander haben, sie reglos schläft, fühlt er sich mit ihr verbunden.

Das Todesmotiv wird dann bei einem Ausflug in einen Nationalpark am Columbus Day weitergeführt, als sie dort zelten gehen und Agnes einen Kreislaufzusammenbruch erleidet. Inmitten der Wildnis bricht sie zusammen und wird ohnmächtig, was verständlicherweise Panik beim Ich-Erzähler auslöst. In der dramatischen Situation dominieren negative Gefühle, Agnes ist nicht lebendig sondern „schlaff und schwer" und der Ich-Erzähler hat große Angst um ihr Leben- jedoch wacht sie wieder auf und obwohl sie danach zunächst wortkarg von ihm abwendet geht es ihr am nächsten Tag wieder gut.

Die geschriebene Geschichte des Ich-Erzählers von Agnes hat inzwischen schon die Realität überholt und die narrative Macht des Erzählers wird immer deutlicher. Waren es anfangs nur ein paar Sätze in der Zukunft, die die Situation spannender und interessanter für beide machten, so entwickeln sich Leben und Literatur immer weiter auseinander und der Erzähler wird gefangen in der Erfüllung seiner Macht bei der Schöpfung der fiktiven Agnes. Auch Agnes weiß, dass sie dem Buch folgen soll, sie fragt ihn nach Bestätigung ob sie „alles richtig mache" wenn er der Gegenwart voraus schreibt.

Schließlich jedoch kommt es zur Katastrophe: Agnes folgt nicht der Geschichte; sie wird unerwartet schwanger. Der Ich-Erzähler fühlt sich in seiner 'Schöpfung' betrogen; diese Wendung war in seiner Erzählung nicht vorhergesehen, er fühlt sich komplett überfordert mit der Situation und reagiert indem er sie verlässt. Während sie getrennt Leben, kennt er eine neue Dame, Louise, kennen, die er allerdings auch verlässt, sobald sie Gefühle für ihn entwickelt- er stellt seine persönliche Freiheit wieder über die Liebe, wie das auch öfter bei seiner Beziehung zu Agnes schon deutlich wurde.

Er kommt erst wieder mit Agnes zusammen, als diese ihr Kind verliert und er jetzt wieder die Macht über die Erzählung hat. Sie ist verzweifelt über den Tod des Kindes, Stamm verweist hier auf das Gedicht „A Refusal to mourn the death, by Fire, of Child in London" von Dylan Thomas, in welchem ein düsteres Kriegszenario beschrieben wird. Dabei werden die Verantwortlichen für den Tod der Menschen indirekt angeklagt, für keinen ausreichenden Schutz der Bürger gesorgt zu haben. Das Gedicht begleitet Agnes während ihrer Trauer, sie erkennt die Botschaft, bezieht diese auf sich selbst und empfindet große Schuldgefühle, da das Kind „in [ihr] gestorben" ist. Sie bekommt das Gefühl, versagt zu haben und durch diese Beschuldigung von sich selbst verschlechtert sich auch ihr gesundheitlicher Zustand, sie bekommt „FIeber" und „weint" viel. Wieder erkennt man also wie sehr sich das nun extrem zugespitzte Todesmotiv sie beschäftigt.

Agnes wird erst wieder glücklich, als der Ich-Erzähler ihrer Aufforderung folgt, es „auf[zu]schreiben"- nicht jedoch die wahre Geschichte: „Du musst uns das Kind machen. Ich habe es nicht geschafft". Mit diesem Satz folgt eine perverse Ausführung der fiktiven Geschichte ihres Kindes, die für beide so real wird, dass sie sogar Spielsachen und Anziehsachen für das nicht existierende Kind kaufen. Sie sind nur in dieser Scheinwelt wieder für einen kurzen Moment glücklich, ihre Liebe basiert nun völlig auf der literarischen Welt und nicht mehr der Realität. Das Ganze wird beendet, als Agnes realisiert, wie „krank" alles ist, und dass sie damit aufhören müssen. Sie bittet ihn daraufhin auch, keine Ende zu der Geschichte zu schreiben, da sie zugibt, dass Bücher schon immer Macht über sie hatten und ihrer Meinung nach „mit dem Ende der Geschichte auch die Personen [sterben]".

Der Ich-Erzähler kann sich damit jedoch nicht zufrieden geben, seine Geschichte muss in sich geschlossen sein, braucht ein Ende. Er schreibt dann
zwei Versionen eines Schlusses, bei denen einer gut endet, sie die Zweisamkeit an Silvester genießen, der andere jedoch, den er gut sichtbar auf seinem Computer als „Schluss2" speichert, endet mit Agnes, wie sie mit dem Zug nach Willow Springs fährt, sich dort in den Schnee legt und das Gesicht hinein drückt, bis ihr ganzer Körper „glüht". Damit bringt er das Todes- und Mördermotiv zu einem eindrucksvollen Schluss und lässt das Ende an den Anfang schließen, indem der gleiche Satz „Agnes ist tot." wieder verwendet wird. Der Ich-Erzähler beschuldigt nun die Geschichte, sie getötet zu haben, ich jedoch sehe die Hauptschuld an ihm selber, und gleichzeitig denke ich, dass Agnes nicht in der Realität gestorben ist, sonder nur in der Geschichte selber und für den Ich-Erzähler. Gegen einen Tod in der Geschichte spricht jedoch, dass Agnes ihren „Wintermantel" mitnimmt, was gegen einen geplanten Suizid im Schnee spricht. Außerdem klingelt nach dem Verschwinden von Agnes das Telefon, was er allerdings „nicht ab[nimmt]"- es könnte durchaus Agnes sein, die sich endgültig aus seinem Leben verabschieden will, da sie auch schon davor erkennt, dass die Beziehung „krank" ist. Allerdings beabsichtigt der gebürtige Schweizer Peter Stamm die Interpretation des Todes der 'echten' Agnes in der Geschichte meiner Meinung nach trotzdem auch, da er den Ich-Erzähler das Ende ähnlich wie den Roman aus der Schweizer Literatur „Geschwister Tanner" von Robert Walser gestalten lässt, in dem dort der Schneetod als „brennend" beschrieben wird, ganz ähnlich ist er bei Agnes „glühend" - durch diese Parallelität wird der Tod auf die literarische Ebene geholt, also als rein fiktiv dargestellt. Sie stirbt für ihn persönlich, da er ja derjenige ist, der sich diesen Schluss vorstellt und auch schreibt. Denn sie ist nicht dem Bild gerecht geworden, was er sich von ihr gemacht hat und hat ihn dadurch in seiner Rolle als machthabender Erzähler verletzt. Der Tod in der Geschichte ist für ihn eine narrative Notwendigkeit, denn seiner Überzeugung nach macht „Glück keine guten Geschichten"- er muss das Ende also einer Tragödie zusteuern lassen und diese für sich akzeptieren um eine gute Geschichte abzugeben, was für ihn wichtiger zu sein scheint als das glückliche gemeinsame Leben. Gleichzeitig veretzt er sich jedoch damit selber, da Agnes ihn durch den fiktiven Tod auch selber töten: Er „wartet" den ganzen Tag und auch davor kommt bereits mehrmals heraus, dass er weder ohne sie, noch mit ihr kann, wie zum Beispiel, wie rastlos er bei ihrer Trennung ist, aber wie wenig er die Nähe will während sie zusammen sind.

Ich denke, der Autor Peter Stamm hat die Geschichte bewusst deutungsoffen angelegt, um seinem postmodernen Schreibstil zu entsprechen.
Auch hat er die verwendete Sprache dem Inhalt angepasst, er hat einen sehr nüchternen Sprachstil, erzählt nur die wichtigsten Eckpunkte der Beziehung, was die Atmosphäre verstärkt. Auch werden dadurch die Charaktere und ihre Beziehung sehr eindrücklich charakterisiert, es gelingt ein unverstellter Blick auf die Protagonisten, die Distanz zwischen ihnen wird vergrößert und die fehlende Nähe und Emotionalität umso mehr hervorgehoben. Wie kaum ein anderer beherrscht er die Kunst des Weglassens, ohne dass der Roman bedürftig wirkt und erzielt eine sehr präzise Beschreibung der Situation. Wie auch in dem Roman „Blitzeis", welcher eine Reihe von Prosa beinhaltet, ein Jahr nach „Agnes" von Stamm geschrieben, befasst er sich mit alltäglichen Schicksalen, mit gesellschaftlichen Problemen und schafft es diese großen Themen im Kleinen zu behandeln ohne dabei belehrend zu wirken. Er beobachtet und beschreibt die Geschehnisse lediglich auf eine Art, die einen mitnehmen lässt und einen zum Nachdenken bringt.
Inhaltlich finden sich in „Agnes" auch einige Paralellen zu Stamms eigenem Leben, beziehungsweise sehr deutlich zu Themen, die ihn stark interessieren. Er fing an Psychologie zu studieren, wechselte allerdings später zu Psychopathologie, weil er „den Mensch als Gegenstand der Literatur" näher kennen lernen wollte. Dieser Studiengang erklärt auch das große psychologische Wissen, dass er bei Agnes und der Beschreibung ihres Charakters und ihrer psychischen Probleme darstellt. Außerdem erforscht er an der fiktiven Agnes, wie sie zu einem Gegenstand der Literatur von der Geschichte des Protagonisten wird; wie die Literatur sie kontrolliert und ihre Handlungen und Gefühle vorbestimmt.
Anfangs war ich persönlich nicht sehr überzeugt von seinem Roman, ich fand keinen richtigen Zugang zu seinem Schreibstil und fand, dass der Roman nicht sehr durchdacht wirkte. Jedoch verstand ich im Laufe der Erarbeitung der Themen und des Inhalts immer mehr Herrn Stamms Beweggründe und merkte, wie gewollt alles ist. Auch wenn Stamm selber sagt, er hätte diese Geschichte einfach nur geschrieben, so denke ich, dass er sie sehr geordnet geplant hat. Denn die Regelmäßigkeit von 36 Kapiteln, bei denen man genau Wendepunkt und den entscheidenden Wendepunkt der Trennung bei Kapitel 18 bestimmen kann ist faszinierend gut durchdacht. Auch die Art, was genau er beschreibt und was er weglässt ist sehr eindrucksvoll überlegt und sprachlich auf sehr hohem Niveau.

Je mehr ich über diesen Roman erfahren konnte, desto beeindruckter war ich und heute kann ich mit guten Gewissen sagen, dass dieses Buch sich wirklich lohnt, man ihm aber auch eine ehrliche Chance geben muss, und ihm Zugang erlauben muss, denn sonst bleibt man lediglich auf der Oberfläche und erfährt nicht das eigentlich Tiefgründige, welches von Stamm beabsichtigt ist. Er hat ein unglaubliches Talent, einem gesellschaftliche Probleme näher zu bringen und ans Herz zu legen und ich kann dieses Buch deshalb guten Gewissens jedem, der an solchen interessiert ist, empfehlen.




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